Mallorca 312

Die Idee war ganz einfach: den „üblichen“ Frühjahrs-Radurlaub mit einem schönen Rennen kombinieren. Also eine perfekte Gelegenheit, das Radrennen Mallorca 312 zu testen!

Leider zeigt sich das Wetter über die Ostertage auf Sonneninsel Mallorca so gar nicht von der Sonnenseite, aber nach ein paar Regen- und Sturmtagen hat Petrus ein Einsehen, und pünktlich am Renntag passt die Wettervorhersage wieder zur Erwartung. Es ist viel zu früh morgens, ziemlich kalt und dunkel, als ich in einer langen Fahrradkolonne Richtung Startbereich rolle. Zumindest dachte ich das – stattdessen führte die ewig lange Startformation zurück bis in ein Wohngebiet, wo sich ein langes, enges Radfahrerknäuel formierte. Hier wurde es 6.30 Uhr, 6.45 Uhr, 7.00 Uhr (offizieller Start), 7.15 Uhr,… Nichts passierte. Also Zeit genug um nochmal anhand der aus Trikottaschen ragenden Gegenstände die eigene Ausrüstung zu überprüfen („verdammt, ich habe keinen Steuersatzschlüssel dabei!“) und von den 312-Veteranen neben mir letzte motivierende Aufmunterungen zu holen („Du willst echt die große Runde fahren? Das wird hart, sehr hart!“).

Irgendwann gegen 7.30 setzte sich dann der Zug in Bewegung und die fröstelnde Menge wurde erlöst: endlich durch den Start-/Zielbereich rollen, Stimmung einfangen, durch Alcúdia und dann im ersten Sonnenlicht entlang der Küste nach Port Pollenca rollen – herrlich! Kurz vorm ersten Anstieg zum Kloster Luc kam die erste Zwangspause wegen Unfall. Faszinierenderweise gibt es immer wieder Fahrer, die sofort bei einem Stillstand ihr Rad hinlegen und am Straßenrand pinkeln. Dazu ein Rettungswagen auf der Suche nach Durchfahrt – schon war das Chaos perfekt!

Doch irgendwann war auch hier die Weiterfahrt möglich und es ging in den ersten Anstieg und damit in die Phase 1 des Rennens: entlang der Küste mit vielen Höhen- und Tiefenmetern zwar durchgehend im Pulk, aber letztendlich doch jeder für sich. Bergauf mit dem Ziel, nicht zu überpacen, bergab im Bemühen, trotz Euphorie über die gesperrten Straßen die Kurvenkontrolle zu behalten… Spannend wurden die ersten Verpflegungsstellen, hier wurde die Gruppendynamik gefördert und man kam seinen Mitfahrern im kollektiven Gruppengequetsche näher als erhofft: Es war voll und eng, so eng dass nur ein passives Geschoben-werden möglich war. Also das Rad abstellen, nehmen was man bekommt und weiterfahren sobald man zufällig wieder an seinem Rad ausgespuckt wird! Sonderwünsche sind hier fehl am Platze, ich hätte gerne Wasser, Sonnencreme und Dixi genommen, bekam aber Cola, Gel und Riegel. Irgendwann wurde es wärmer, es wurde mittags, und schließlich war in Andratx auch schon der südlichste Punkt der Strecke erreicht und es ging zurück Richtung Osten.

Plötzlich lagen statt Serpentinen gerade Straßen vor uns, und unvermittelt startete damit Phase 2 des Rennens: eben noch jeder im Kampf mit sich selbst, formierten sich plötzlich die Züge, und bei einem Schnitt deutlich >40km/h lag alle Konzentration auf dem Hinterrad des Vordermannes. Wohl dem, der sich vorher gut verpflegt und die Körner gespart hat, die nächsten Stunden ist Vollgas angesagt! Bis zur Verpflegungsstelle in Lloseta bei km 192 rolle ich in großer Gruppe, danach finden sich für die nächsten 30 Kilometer zumindest vier Mitfahrer, mit denen es sich gut kreiseln lässt. Und schon erreichen wir die Abzweigung, an der die große Entscheidung fällig wird: links in 5 Kilometern ins Ziel rollen oder rechts noch weitere knapp 100km und 1000 Höhenmeter ranhängen.

Ich entscheide mich für rechts und befinde mich unversehens in Phase 3 des Rennens: plötzlich befinden wir uns auf kleinen Feldwegen mit mehr Schlaglöchern, vielen Kurven und kleineren Hügeln. Windschattenfahren wird deutlich schwieriger, das Fahrerfeld ist zudem reduziert. Plötzlich ist wieder jeder auf sich selbst gestellt, nur dass jetzt nicht mehr wie in Phase 1 Kopf das Sagen hat, sondern die Beine bzw. das was von ihnen übrig geblieben ist… Und so zieht sich Kilometer um Kilometer und außer vereinzelten Streckenposten an Abzweigungen ist kein Mensch zu sehen. Fast denke ich schon, dass Phase 3 die letzte bleiben wird, aber dann kommt – Arta!

Arta war unsere Rettung, unser Gegensatz, unsere Einleitung der Phase 4. Aus den einsamen Schotterpisten kommend erwarteten wir nur die letzte Verpflegungsstelle vor dem Ziel, etwas Wasser oder Iso, vielleicht noch ein Gel. Und wir bekamen Party pur: die ganze Durchfahrt durch den Ort ging durch ein Spalier klatschender Menschen, an der Verpflegungsstelle wurden wir mit Bier und lauter Musik begrüßt, die Versuchung einfach hier zu bleiben war riesig. Aber auch wer sich wieder lösen konnte wurde belohnt, die letzten 30 Kilometer waren Genuss pur: vollgetankt mit Arta-Euphorie ging es auf die letzten 30 Kilometer, der mittlerweile tief stehenden Sonne und dem Ziel entgegen, gefühlt nur noch bergab. Die letzten Kilometer ab Can Picafort flogen nur noch, schon war das Ziel da, die schwere Medaille um den Hals – das Abenteuer Mallorca 312 vollendet, was für ein großartiger Tag!

text by Anna Hoffmann

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