Ultraks Matterhorn – ein steiniger Weg

Das Matterhorn ist nicht zu sehen. Regen. – Warum? Alle Wettervorhersagen hatten Sonne angekündigt und abends Gewitter. Was ziehe ich an? Bleibt das jetzt so? Ist die Strecke rutschig?

Während ich frühstücke und meine Sachen sortiere, laufen draußen am Fenster schon die Langstreckler vorbei. Die haben teilweise Regenjacken an, teilweise ziehen sie diese aber schon wieder aus (Hitzestau). Ich entscheide mich, die Jacke im Gepäck zu lassen und auf dem Weg zum Start eine andere Jacke überzuwerfen, die ich dem Betreuerteam dann gebe. Handschuhe nehme ich nicht mit. Die Daunenjacke auch nicht. Dafür aber die dünne Regenjacke, eine Mütze und eine Rettungsdecke. Dazu noch 2l Wasser, 10 Hydrogels (teils in Flaschen), das Handy und noch einen kleinen Plan des Höhenprofils. Kurze Hose, Shirt, Käppi, Gamaschen, Stöckchen – das sollte dann reichen.

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Ich stelle mich in den letzten Startblock, weil ich keine Lust habe, so schnell loszulaufen. Der Tag ist lang genug, und das Rennen wird nicht am ersten Berg entschieden. Zu „Can’t stop“ von den Red Hot Chili Peppers und anschließendem „Highway To Hell“ von AC-DC geht es auf einer kleinen Runde durch das Autofreie Örtchen Zermatt. Schon recht schnell geht es bergauf und man reduziert das Tempo. Die ersten Radiergummis kommen mir entgegen bzw. werden langsamer. Die Bleistifte sind schon längst vorne weg. So sortiert es sich langsam.

Ich nehme jetzt die Stöcke zu Hilfe, um die Höhenmeter nicht allein mit der Beinkraft bewältigen zu müssen. Nach anfänglich breitem Forstweg gelangt man auf einer Höhe von knapp 2000m auf den Europawanderweg, der das Monte Rosa Massiv umrundet (und im weiteren Verlauf auch über die neue längste Fußgänger-Hängebrücke der Welt führt). Es geht flach auf einem Singletrail. Überholen ist schwierig. Dann geht es links wieder steil bergauf auf eine uralte Seitenmoräne. Bei ca. 8 km und 650 überwundenen Höhenmetern erreicht man die erste Verpflegung. Grandiose Aussicht. Ich laufe weiter, da der Rucksack noch voll mit Verpflegung ist und kann dabei  viele pausierende Läufer überholen. – Sowohl den mit der langen Treckinghose und dem karierten Hemd, als auch den mit dem albernen Tattoo auf der Wade (Flammen und Totenköpfe). Schade, denn die sind beide schön gleichmäßig gelaufen. Dennoch muss ich kurz darauf stoppen, um die Riemen vom Rucksack neu einzustellen. Die haben sich gelockert und nun sitzt er nicht mehr so schön stramm, schneidet ein, weil er falsch sitzt.

Es geht ein Stückchen ins Tal bergab. Rutschend und springend kann ich hier viele überholen. Die Strecke wird technisch anspruchsvoll. Nach einem weiteren Anstieg werden die Gleise der Zahnradbahn überquert und es geht bis Kilometer 15 leicht bergauf. Anschließend kommt ein langes und steiles Gefällestück bis zur Hängebrücke kurz vor Seilbahnstation Furi. Die Lauferei strengt langsam richtig an. Alles tut ein bisschen weh. Hier gibt es grobes Geröll, Felsiges Gelände, Wurzeln und auch Matsch. Also von allem etwas. Dennoch kein Problem. Ich kann mich austoben, lasse die 95 kg rollen und mache Plätze gut. Der Hubschrauber, der einen gestürzten Läufer einsammelt mahnt jedoch, vorsichtig zu laufen. Schnell kann der Spaß vorbei sein!

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Die Hängebrücke ist sicher beeindruckend, ich habe aber keine Augen dafür. Sportograf hält zum Glück alles fest – auch hier. Man kennt sich noch von früher. Kurzer Gruß und weiter zur nächsten Verpflegung. Auch hier bei der dritten Station benötige ich noch nichts. Mein Betreuerteam wartet hier auf mich und überholt mich gleich wieder mit der Seilbahn auf dem Weg nach Schwarzsee, der letzten Verpflegung und auch meinem höchsten Punkt. Danach soll es theoretisch nur noch bergab gehen. Aber erstmal kommen jetzt 700 Höhenmeter am Stück. Steil, sehr steil geht es in Serpentinen gen Himmel, vielleicht ein Grund, warum man auch „Skyrun“ sagt. Heiliger Höhenmeter, warum geht es wieder bergab? So eine Verschwendung! Aber zur Entschädigung gibt es einen Brunnen, wo man sich mit kaltem Wasser erfrischen kann. Langsam, sehr langsam geht es weiter bergauf. Mein Höhenmesser verrät mir, dass schon mehr als die Hälfte dieser Steigung geschafft ist. Die Baumgrenze ist überwunden. Die Sonne brennt gnadenlos. In einer Kurve setze ich mich auf eine Bank und genieße die Aussicht auf Gornergrat, Mischabel-Gruppe und Monte Rosa Massiv. Ein Läufer setzt sich neben mich und sagt nur „ach, was solls“. Nach kurzer Rast schleichen wir weiter bergauf. Schritt für Schritt kommen wir höher. Sehr mühsam. Am unsicheren Tritt der anderen Läufer sehe ich, dass es denen auch nicht besser geht. Die Tattoo-Wade taucht plötzlich wieder auf – mit blutendem Knie. Sicher gab es auf dem steilen bergab-Weg nach Furi ein Missgeschick, wo der Schuh nicht mehr am Felsen bleiben wollte…

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Endlich oben. Frischer Wind kommt von den Bergen herunter. Angenehm. Mit meinem Betreuerteam mache ich oben bei Schwarzsee eine kurze Rast. Ich fülle meinen Camelbak wieder auf. Es gibt noch eine Banane und eine große Hand voll Salzkekse. Ich übergebe ein wenig Ballast (Stöckchen und Jacke) und mache mich auf die letzten 10 Kilometer, die eigentlich nur bergab gehen sollen.

Anfangs auf breiter Schotterpiste geht es immer tiefer ins Tal, wo jetzt die Nachmittagssonne für unangenehme Hitze sorgt. Die Luft steht. Sobald es flach wird, oder eine leichte Gegensteigung kommt, fällt es mir schwer, zu laufen. Das schnelle bergab Laufen ist zwar höllisch anstrengend, gelingt aber immer noch gut. Ich sammle viele Läufer ein. Die Langstreckler müssen hier noch mal wieder rauf. Nee, was bin ich froh, dass ich mich noch ummelden konnte. 32 km reichen auch völlig. Leicht oberhalb von Zermatt geht es am Hang entlang mal bergab, mal bergauf durch den Staub, mal mehr, mal weniger Bäume. Ich entschuldige mich und haste an den langsamen Läufern oder Wanderern vorbei, die eilig zur Seite springen.

Da, eine Lichtschrankenkamera und auch noch ein Sportograf im letzten Gefällestück, dann ist der Ort erreicht und es geht auf einer kleinen Runde durch den Ort, wo eifrige Helfer die Menschen dirigieren (Touristen und Läufer).

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Ziel. Endlich. Nach 5:44 h bleibt die Uhr für mich stehen. Trinken. Schatten. Pause. Den Nachmittag verbringe ich halb dösend auf dem Bett. Herrlich.

Fazit? Warum in Hallen mit künstlichen Parcours gehen, wenn man Trailrun machen kann? Die Hindernisse sind hier total „real“.

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Und jetzt? – Ich gucke grad nach den Bedingungen für ÖtillÖ. Der swim-run Wettkampf in Schweden reizt mich sehr. Man schwimmt da von Insel zu Insel bzw. läuft darüber hinweg. Das muss ich unbedingt mal machen!

text by Georg Schmidt

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