Radrennen in der Karibik und eine Stadt voller Gegensätze

Als ich die Anfrage für das Event Sagan Fondo in Kolumbien bekommen habe, musste ich nicht lange nachdenken und sagte sofort zu. Wann würde ich schon sonst nach Südamerika kommen? Auch wenn ich recht häufig in der Welt unterwegs bin, Kolumbien gehörte dabei bisher noch nicht zu meiner Reiseroute. Daran Schuld haben mit Sicherheit auch die ersten Assoziationen, die man mit dem Land verbindet. Kolumbien hat nach wie vor einen Ruf, geprägt durch die Guerilla-Gruppe FARC, Bürgerkriege, Drogenkartelle und Korruption. Dass dieses Land heute aber vor allem mit karibischen Stränden, blühenden Landschaften, Dschungel und Berge sowie quirlige Metropolen auftrumpft sollte ich noch lernen.

Das Radrennen Sagan Fondo Colombia 2019 fand in der im Norden gelegenen Stadt Barranquila statt. Barranquila liegt direkt an der Karibikküste und der Mündung des Rio Magdalena. Dementsprechend ist das Klima stets karibisch warm, die Menschen fröhlicher Natur, freundlich und zuvorkommend. Dass diese 1,2 Millionen-Stadt zu einer der weltweit größten Karnevalshochburgen gehört habe ich vor dem Trip nicht erwartet, aber an jedem Abend auf den Straßen der Stadt erleben können. Sobald die Sonne in Barranquilla untergeht, gehen die Lichter der Bars und Restaurants an. Die Leute kommen aus ihren Häusern, essen und trinken lachend gemeinsam und tanzen zu latein-amerikanischen Rhythmen.

Diese positive Stimmung spürte man auch während des Events selbst. Wenn der Radrennprofi Peter Sagan mit seinem Namen für ein Radrennen wie dieses wirbt, lassen sich die kolumbianischen Fahrrad-Enthusiasten nicht zweimal bitten. Bereits am Expo-Tag vor dem eigentlichen Event kamen dutzende Fans und Sportler um Peter Sagan zu begrüßen und sich mit ihm abzulichten. Auch wenn die Teilnehmerzahl im Vergleich zu europäischen Events eher gering war, bot das Rennen den rund 1500 Teilnehmern alles was dazu gehört und noch etwas mehr. Distanzen von bis zu 152km und rund 1800 zu erklimmende Höhenmeter. Ein Start vor Sonnenaufgang, so diesige Teilabschnitte, dass man kaum 10 Meter weit gucken kann, einen wunderschönen Sonnenaufgang in den höhergelegenen Abschnitten mit Blick auf den karibischen Ozean und kräfteraubende Sonneneinstrahlung bei rund 35°C bis zur erlösenden Zieleinfahrt bei bassiger Partymusik und feierlustiger Menschenmenge direkt am Rio Magdalena.

So wie für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen war dieses Event auch für uns ein relativ kurzes, aber auch sehr intensives Rennen. Nachdem unsere Arbeit getan und unsere Zeit im sonnigen Barranquilla vorbei war, fing meine Urlaubszeit in der Hauptstadt Bogotá an. Dort sollte ich noch rund fünf Tage verbringen und die unterschiedlichsten Facetten der 8-Millionen-Metropole kennenlernen.

Ich durfte meine restliche Zeit in Bogotá bei Mateo, dem Teamleiter des Events und seiner Familie verbringen. Diese haben mich nicht nur sehr herzlich aufgenommen und sich um mich gekümmert. Mateo hat sich auch als exzellenter Guide entpuppt. Er hat sich viel Zeit genommen mir die Stadt zu zeigen und mir viele Informationen und Ansichten aus einheimischer Sicht zu vermitteln. So habe ich die Stadt auf zwei sehr unterschiedliche Arten kennengelernt. Aus meiner Sicht als Tourist, der sich kaum im Vorfeld informiert hat und als Gast bei einer kolumbianischen Familie, die offen über die schönen und unschönen Seiten redet.

Bogotá liegt auf 2640 Meter Höhe. Begibt man sich in noch etwas höhere Gefilde auf den Hausberg, den Cerro de Monserrate auf insgesamt 3152 Meter wird die Luft zwar etwas dünner, dafür hat man aber einen wahnsinnigen Ausblick über die Stadt und erkennt erstmal wie weit sich die Hauptstadt Kolumbiens erstreckt. Auf dem Weg nach unten kommen einem ambitionierte und keuchende Läufer entgegen, die den Hausberg als sportliche Herausforderung ausgemacht haben und versuchen ihn in kürzester Zeit zu erklimmen.

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Am Fuße des Berges liegt die Altstadt La Candelaria. Sie bietet sich mit ihren steilen Kopfsteinpflastergassen und alten kolonialen Häusern und Plätzen perfekt an, um gemütlich zu schlendern oder eine geführte Tour zu machen. Eine der vielen kostenlosen Touren führt durch diese hübschen Gassen und behandelt die Graffitiszene der Stadt. Im Gegensatz zu den oft aussagelosen Schmierereien auf unseren heimischen Hauswänden, wollen Street-Art-Künstler in Bogotá mit ihren Werken aktiv am derzeitigen politischen und gesellschaftlichen Wandel mitwirken. So ist Bogotás Graffiti-Szene eine der aktivsten der Welt.

Es gibt noch unzählige weitere Sehenswürdigkeiten und Aktivitäten, die einem helfen einen tieferen Einblick in die Stadtgeschichte und in das alltägliche Leben zu bekommen. Von Free-Food-Touren bis zu diversen Museen, wie das Museo del Oro, dem Goldmuseum. Doch den besten und authentischsten Eindruck erlangt man auf der Strasse, beim Essen oder bei einem kühlen Bier im Gespräch mit den Menschen vor Ort. So bunt die Stadt auch scheint, Bogotá ist voller Gegensätze. Man wird herzlich und freundlich empfangen und gleichzeitig spürt man die raue Schale der Bevölkerung, geprägt durch die weniger schönen Geschichten aus der jüngeren Vergangenheit Kolumbiens.

Aber man spürt auch, dass das Land in einer Aufbruchstimmung ist. Die Menschen sind es Leid Angst zu haben und stillschweigend alles hinzunehmen. Sie stehen auf und wollen sich nicht mehr setzen. Sie fordern ihre Freiheiten und Rechte. So wie ich die Menschen in Kolumbien kennengelernt habe, sind sie in der besten Verfassung ihre Ziele auch zu erreichen und auf sich Aufmerksam zu machen. Ich wünsche es ihnen auf jeden Fall und freue mich schon auf meinen nächsten Besuch in Kolumbien. Denn dieses Land hat meine Aufmerksamkeit für sich gewonnen und ich bin gespannt welche weiteren Geschichten dort auf mich warten.

Text und Bilder von Martin Kerstan bzw. Sportograf

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