ÖTZTALER RADMARATHON 2018

Am Anfang stand die Schnapsidee: einmal den Ötztaler Radmarathon mitfahren. Naheliegend für eine Hamburgerin mit wenig Rennraderfahrung. Aber da man sich ja eh in der Regel über mehrere Jahre registriert, bis es beim vierten Mal mit dem Fixstartplatz klappt, bleibt ja noch viel Zeit zum trainieren. Als ich dann überraschend gleich beim 1. Versuch den Startplatz bekam, war sie da – diese Mischung auf Freude und blanker Panik. Mein Freund und Sportograf Lars fand es super, aber der muss ja beim Ötztaler auch nur den Zeigefinger bewegen…
Nach mehreren Monaten mit vielen Deichrunden (komplett flach aber zumindest manchmal mit Gegenwind) und am Hamburger Waseberg (der immerhin eine stattliche Höhe von 87m ü. NN hat und dem ambitionierten Rennradfahrer ganze 300m bergauffahren am Stück bietet – das kommt vielleicht nicht ganz ans Timmelsjoch ran, reichte aber zumindest für die Erkenntnis, dass eine Kompaktkurbel her muss) machten wir uns dann auf die lange Fahrt nach Sölden und sahen erst mal nur eins: REGEN. Zunächst schreckte mich das nicht besonders, unter den dicken Wolkendecken sahen die Berge nicht so bedrohlich aus (eigentlich sah man sie gar nicht), und es überwog die Freude über die 3-tägige Kaiserschmarrnparty, Carboloading ist schließlich mein großes Talent!
Dann war es schon soweit, und ich stand fröstelnd in der Startaufstellung zum Ötztaler. Als Neuling hatte ich mich ziemlich weit hinten im Startblock eingruppiert, und so konnte ich die erste lange Abfahrt bis Oetz trotz einsetzendem Nieselregen und ziemlich kühlen Temperaturen eher entspannt und ohne viel Gedrängel genießen. Der Nachteil am Start weit hinten: kaum ging es in den ersten Anstieg zum Kühtai stand ich im Stau, der sich bis zum Pass hoch zog. Der Vorteil am Start weit hinten: Die ersten 1200hm Anstieg habe ich kaum wahrgenommen, weil ich alle Konzentration brauchte, um das Tempo und die Spur des Vordermannes zu halten… So war ich dann plötzlich bei der ersten Labestation und konnte quasi als zweites Frühstück den Kuchen testen. Kein entspanntes Kaffeekränzchen bei stärker werdendem Regen und Temperaturen um 3°C, aber ich hatte ja auch noch ein bisschen was vor. Bei der nun folgenden Abfahrt machte ich erst mal sämtliche Anfängerfehler: Losgefahren mit Sonnenbrille konnte ich im Regen plötzlich gar nicht mehr sehen. Der Versuch, diese mit steif gefrorenen Fingen bei vollem Tempo am Körper zu verstauen glückte auch nur so halb, und ein paar Kehren später hatte ich sie verloren. Da ich zu diesem Zeitpunkt noch überzeugt war, dass bald die Sonne rauskommt und ich daher unbedingt eine Sonnenbrille brauche, stellte ich also das Rad ab und lief zurück – und fand sie tatsächlich nach ner Weile am rechten Straßenrand wieder. So ging es dann weiter in die Abfahrt, als tiefgefrorenes Etwas mit lautem Zähneklappern.
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Die Fahrt ging weiter durch Innsbruck. Hier brauchte ich kurz mal beide Hände, Augen und sonstige Sinne, um einen verklebten Riegel aus der Packung zu befreien, als es plötzlich kräftig rumpelte. Das waren also die Straßenbahnschienen, vor denen in der Fahrerbesprechung gewarnt wurde! Allen künftigen Ötztaler-Fahrern sei also hiermit versichert, dass diese auch freihändig und blind kein Hindernis sind…
Der Weg auf den Brenner war dann herrlich: eine so angenehm leichte Steigung, dass es sich fast durchgehend auf dem großen Kettenblatt treten ließ, die Körpertemperatur stieg wieder an und kurzzeitig kam sogar die Sonne raus. Und rasch fand ich mich oben an der nächsten Labestation, wo ich mich in Ruhe dem nächsten Kuchenbuffet widmen konnte. Auch die folgende Abfahrt vom Brenner war dann auch fast erträglich, denn nachdem die Kühtai-Abfahrt einem Schockgefrieren gleich kam, wurde man am Brenner eher sanft runtergekühlt. Auch wenn das Endergebnis das Gleiche war, wusste ich den Unterschied definitiv zu schätzen!
In Sterzing begann dann die Auffahrt auf den Jaufenpass. Auch diese war recht kurzweilig, es ließ sich schön gleichmäßig treten und fanden sich immer wieder Mitfahrer für einen netten Plausch. Richtig ungemütlich wurde es erst oben an der Labestation: Eiskalt und starker Regen. So unbehaglich, dass ich sogar neben Kuchen plötzlich die heiße Suppe attraktiv fand. Am Jaufenpass erwartete mich schon mein Hinterlegungsbeutel, Inhalt war ein kleines Handtuch und warme Kleidung für den Besenwagen. Als ich ihn in den Händen hielt wurde ich auch fast schwach, der Blick auf die Uhr verriet allerdings, dass ich zu früh dran war. Und mehr als eine halbe Stunde bei den Wetterbedingungen auf den Besenwagen zu warten erschien noch unattraktiver als einfach weiterzufahren, zumal mir noch ein paar Kehren bergauf vergönnt waren, ehe die nächste Abfahrt kam.
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Oben am Jaufenpass angekommen war ich ja quasi schon Profi und wusste was mich erwartet: Eine rasche Transformation in eine zitternde Eiskugel, die viel zu schnell bergab rollt und dabei von Daunenjacken und Scheibenbremsen träumt. Neu war nur der Nebel, der sich zu Regen und Kälte gesellte.
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Daher kam in St. Leonhard erneut die Erleichterung, endlich wieder bergauf fahren zu dürfen. Irgendwie hatte ich mir das vorher genau anders herum vorgestellt! Die Beine fühlten sich auch am Timmelsjoch noch erstaunlich gut an, und ich war froh mich wieder warm treten zu können. Irgendwann war es dann aber soweit, dass ich sogar beim bergauf fahren anfing zu frieren. Der Regen und die zunehmende Höhe machte es möglich. Am Timmelsjoch kamen noch 2 letzte Labestellen kurz hintereinander, bei denen ich mich selber nicht wiedererkannte, weil ich keinerlei Appetit mehr auf Kuchen hatte und statt dessen nur noch heißen Tee und Suppe mochte. Auch beides gemischt im selben Becher, Hauptsache warm… Und dann kamen die Tunnel und der Pass und damit die Erkenntnis, dass ich gleich wieder bergab fahren muss. Der kleine Gegenanstieg brachte noch mal ein kurzes willkommenes Aufwärmen, ehe es dann nur noch die kalte nasse Straße runter ging. Endlich ein Ort in Sicht, das muss Sölden sein – verdammt, Hochgurgel, Obergurgel, Zwieselstein, die Enttäuschungen reihten sich aneinander. Dann ein Schild, „Sölden 20km“: nie im Leben hätte ich mir vorgestellt, dass ich einmal entsetzt bin weil ich noch 20km bergab fahren zu muss!
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Aber irgendwann war es wirklich da, das Ortsschild „Sölden“. Die letzten Meter voller tapferer, bei nasser Kälte ausharrender Zuschauer, die Countdown-Schilder, und schon war ich im Ziel: Nach 11:36h, meine bislang mit Abstand längste Zeit im Rennradsattel, war ich angekommen. Die schönste Belohnung im Ziel war die Rettungsdecke und der heiße Tee, die zweitschönste dann das Finisher-Trikot…
text by Anna Hoffmann
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