Alpenchallenge Lenzerheide

Die Alpenchallenge Lenzerheide – ein Mix aus Alpenpanorama, Geschwindigkeitsrausch und schweißtreibenden Serpentinen

Nachdem ich 2009 beim Engadin Radmarathon meinen bisher einzigen Radmarathon auf der Kurzstrecke bestritten hatte, sollte es 2016 „Europas schönster Radmarathon“ werden – die Alpenchallenge Lenzerheide.

Während die Kurzstrecke mit 119,1km und 2.718 Höhenmetern ausgeschrieben steht, sind es auf der Langstrecke 193,7km und 4.235 Höhenmeter. Auch wenn diese Angaben doch etwas Respekt einflößend wirken, ließ ich mich auf die Herausforderung der Langstrecke ein – schließlich wächst man ja an und mit seinen Aufgaben.

Um Punkt 7 Uhr erfolgte der Start an der Talstation der Rothornbahn. Zuvor ging es zum Einrollen von Brienz-Brinzauls knapp 10km die Strecke in entgegengesetzter Richtung bergauf – ich hatte kurzfristig meine nächtliche Unterkunft in einem Schweizer Ferienhaus bei Freunden gefunden und war nicht auf die Übernachtung im VW-Bus angewiesen. Bei Außentemperaturen um die 6 Grad dauerte es etwas mit dem Gefühl von Wärme. Aufgrund der Wettervorhersage und der aktuellen Aussichten entschied sich der Großteil an Teilnehmern wie auch ich für die Kombi aus Kurz-Kurz, Armlinge und Windweste. Spätestens mit den ersten Sonnenstrahlen, welche die umliegenden Bergkuppen zum Leuchten brachten, wurde einem warm ums Herz.

Alpenchallenge – let’s go!

Der neutralisierte Start führte uns durch das zu diesem Zeitpunkt noch recht verschlafen wirkende Lenzerheide, knapp 500 Höhenmeter bergab nach Filisur. Die Bedenken, gemeinsam mit knapp 1.000 Radsportlern auf eine Abfahrt zu starten, wurden recht schnell zerstreut. Es lief sehr diszipliniert und potentielle Gefahrenstellen wurden an die nachfolgenden Teilnehmer weitergegeben. An dieser Stelle einen Dank an alle für ihr Verhalten.

sportograf-85411512_lowres

Der Albula – ein Pass, der längst nicht mehr als Geheimtipp gilt

Ab Filisur hieß es Feuer frei – zumindest für diejenigen, die um den Sieg kämpften und für die, welche es nicht so sehr mit Renneinteilung halten. Ich selbst hatte mir vorgenommen, den Albula nicht als Bergzeitfahren sondern mit Reserven anzugehen. Schließlich war auch eines meiner Ziele, die Strecke und das Alpenpanorama zu genießen – was jetzt natürlich nicht mit einer Sonntagsausfahrt unter Gleichgesinnten gleichzusetzen ist. Der Albulapass lohnt jedenfalls seinen Blick vom Lenker nach links und rechts schweifen zu lassen.

Zum Albulapass pflege ich ein besonderes Verhältnis. Zwar war es zur Alpenchallenge erst das zweite Mal, dass ich diesen Pass mit dem Rennvelo gefahren bin. Allerdings war es mein erster Pass überhaupt, den ich vor Jahren auf einem geliehenen Rad in Angriff nahm. Zu dieser Zeit wurden die Zeiten auf einer Karte gestempelt und auf der Passhöhe in einen Kasten eingeworfen, damit diese im Internet veröffentlicht und verglichen werden konnten – heute erledigt das Strava.

Mit Erreichen der Passhöhe war die erste Verpflegungsstelle in Sicht, welche ich ohne Zeitverlust passierte. Ein paar wild den Weg kreuzende Kühe bedeuteten kurz volle Aufmerksamkeit, bevor es dann in die Abfahrt nach La Punt ging.

sportograf-85406376_lowres

Der Maloja aus dem Engadin angefahren – ist das wirklich ein Pass?

Bisher war für mein Verständnis ein Pass immer mit einer Auffahrt und einer darauffolgenden Abfahrt verbunden. Bei der Streckenwahl der Alpenchallenge mit Anfahrt über das Engadin verhält es sich jedoch so, dass man eher nur eine Abfahrt spürt – worüber es sich nicht wirklich zu beklagen gilt. Glücklicherweise hatten wir auch nicht den Kitern und Windsurfern spaßbringenden Wind in Höhe Silvaplana gegen uns. Stattdessen dümpelten dort nur ein paar StandUp-Paddler über den See, während wir in Windschattenformation zur „Passhöhe“ in Maloja kurbelten.

Die anschließende Abfahrt nach Italien ist ein Meer aus nicht enden wollenden Serpentinen und bringt einen fast schon in einen gewissen Tiefenrausch. Satte 1.400 Tiefenmeter galt’s auf 30km zu vernichten. Da kommt zwangsläufig irgendwann der Gedanke auf, dass man all das am Splügen wieder hart erarbeiten darf – den Spaß trübt’s aber nicht.

An dieser Stelle ein „Sorry“ an meine Begleiter für die sich meldenden Bremsen beim Anbremsen vor den Kehren. So sehr ich auch die Bremswirkung meiner Scheibenbremsen liebe und nicht mehr darauf verzichten möchte – auf dieser Abfahrt hat mich ihr Gejaule auch leicht genervt. Gutes Zureden brachte nichts – also musste später und weniger gebremst werden, was der ausbaufähigen Fahrtechnik bergab zugute kam und kurzzeitig eine Maximalgeschwindigkeit von knapp 80km/h einbrachte.

sportograf-85403840_lowres

Splügen – du fies langes Biest!

Es war wohl das erste Mal, dass ich auf einem Pass mit dem Rad schneller bergauf unterwegs war als mit dem Auto. Allerdings wäre es falsch, dies der Leistungsfähigkeit auf dem Rennrad zuzuschreiben. Vielmehr wurde die Blechlawine durch uns Teilnehmer zu einem Stopp-and-Go gezwungen, da ein Überholen aufgrund des Gegenverkehrs und der zahlreichen Serpentinen nur erschwert möglich war. Irgendwann teilte sich die Straße und ab dort wurde es mit dem Verkehr besser. Auch die eingeatmete Luft verbesserte sich – war sie doch zuvor mit einer leichten Abgasnote behaftet. Ein nicht enden wollender Aufstieg vom italienischen Chiavenna (333m.ü.M.) auf den Splügen fand nach 30km auf der Passhöhe 2.113 Meter über Meer ihr Ende. Zuvor hatte ich einem Begleitmotorrad scherzhaft den Deal angeboten, kurzzeitig den Untersatz zu tauschen – was mit einem sympathischen Lächeln abgelehnt wurde.

Eine Serpentinenjause par excellence wartete als Belohnung für den schweißtreibenden Aufstieg. Die Viamala-Schlucht passierten wir ohne einen Fotostopp, der sich sonst sicherlich angeboten hätte. Auch ein längeres Schotterstück aufgrund einer Baustelle bremste nicht wirklich den Rennverlauf – war ich doch mit meinem Norco Search auf einem Gravelbike unterwegs, was sonst genau dieses Terrain liebt. Einzig die montierte Straßenbereifung und der höhere Luftdruck waren nicht unbedingt auf Graveln ausgelegt, und hätte mir einen Plattfuss einbringen können. Da der Reifen schadlos blieb, brachte es mir einen kleinen Vorsprung auf die Verfolger ein.

In Thusis formierte sich eine 7er-Gruppe, bei der abwechselnd Führungsarbeit geleistet wurde. Allerdings zersplitterte diese aufgrund des Tempos wieder und so waren wir urplötzlich nur noch als Trio unterwegs. Kurz vor dem finalen Anstieg hinauf nach Lantsch/Lenz nutzte ich meine noch einigermaßen funktionierenden Beine, um auch diesen Begleitern zu enteilen. Die letzten Höhenmeter zum Ziel waren Freude und Last zugleich. Einerseits war es motivierend, einen der Albula-Bergaufsprinter und ein paar Kurzstreckler einzufangen. Andererseits  waren es gefühlt sehr lange 5,3km und man fand sich immer wieder in dem Konflikt zwischen „yeeeha, gleich geschafft!“ und „oh man, wann ist es denn nun vorbei?“ wieder.

sportograf-85409736_lowres

Nach 7h35min war es dann geschafft und vorbei – und ab sofort steht „Finisher auf der Langdistanz bei der Alpenchallenge Lenzerheide“ im Buch. Dass dabei knapp 100 Radsportler vor und knapp  400 hinter mir im Ziel angekommen sind, ist nur eine Randnotiz. Europas schönster Radmarathon hat mehr zu bieten als Zahlen, Daten und Fakten.

Ronnie Weißenfeld

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s